Willkommen im Hambacher Forst

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Ein Besuch beim Hambacher Wald

DIEM25 (Democracy in Europe 2025) ist eine europäische Bewegung, die vom ehemaligen griechischen Finanzminister Yannis Varoufakis gegründet wurde. Ziel der Bewegung ist in erster Linie die Demokratisierung von Europa.
Als Rahmenprogramm, während der DIEM25 Academy 2019 in Köln, wurde ein Besuch beim Hambacher Forst angeboten. Hätte ich gewusst, was für ein nasskalter Tag mich erwartet, hätte ich die Alternative, ein feudales Frühstück, angenommen.

Aber, ich wollte heldenhaft der Welt zeigen, was für ein furchtloser Kerl ich bin. Und so geschah es.

Die Reise begann im Kölner Hauptbahnhof. Des einsetzenden Regens wegen, wurde der Versammlungsplatz kurzerhand in den Bahnhof verlegt.

Die Fahrt mit der S13

dauert etwa eine halbe Stunde und kostet ca. 5 €. Einstieg: Köln Hauptbahnhof, Ausstieg Buir.

Mit der S13 von Köln Hbf nach Buir. Eine halbe Stunde und 5 Euronen.

Buir

In Buir angekommen fand ich genau das gleiche Wetter vor, das ich am Kölner Hauptbahnhof hinter mir zu lassen geglaubt hatte. So kann das Leben sein: hart und grausam. Also machten wir uns auf den Weg. Zuerst über eine asphaltierte Landstraße und dann über einen ausgebauten Feldweg. Auf in den Hambacher Wald. Der Regen, die Kälte und der Wald erwarten uns, aber auch eine der letzten Bastionen der Demokratie. Menschen, die gegen die erbarmungslose Gier des Kapitalismus kämpfen.

So begab ich mich also auf dem Weg der verregnenten Landstraße. Langsam und vorsichtig ging ich ganz auf der linken Seite, während ich versuchte mit einem geliehenen Regenschirm meine Kamera vom Regen zu beschützen und mich selbst vom beißend kalten Wind. Und da geschah etwas unerwartetes. Manchmal passieren Dinge im Leben, die auf der einer Seite völlig nebensächlich sind, auf der anderen Seite aber lange, sehr lange in Erinnerung bleiben.

Kaum einen Meter vor mir bremste scharf ein Wagen. Es war einer dieser Japanischen Pick-Up’s, Farbe weiß, mit drei Scheinwerfern auf dem Dach. Diese Wagen, die in den amerikanischen Filmen von den Jägern in der Wildnis benutzt werden, um Tiere zu jagen oder entflohene Sklaven wieder zu finden.

Solch ein Wagen bremste also scharf vor mir. Ich ging ganz an der linken Seite der Straße und war gerade sehr beschäftigt mit meinem ausgeliehenen Regenschirm, um mich und meinem Foto-Apparat vor Regen und kalten Wind zu schützen, so dass ich fast zu spät reagiert hatte. Ich schaute auf. Ein bärtiges Gesicht schaute mich finster an. Ich weiß nicht was mich mehr fröstelte. Das Versprechen in diesem Blick mich gleich zu überfahren, oder die Drohung mich nach stundenlanger Folter genüsslich umzubringen. An der linken Seite der Windschutzscheibe stand: “Werksschutz”. Ok. Der Mann hatte einen Hals auf alle Leute die hierher kamen, um diesen Wald zu “retten”. Mit dem Regenschirm und der schweren Kamera balancierend schaute ich nach hinten. Es kam weit und breit kein Auto. Es war reine Schikane.

Ich trat zur Seite in den Matsch und lies ihn vorbei. Vor lauter Schreck vergaß ich sogar ein Foto von diesem Gesicht zu machen. Dieser hasserfülte Ausdruck war wirklich Filmreif.

Mehr ahnte ich, als zu wissen, dass dies nicht meine einzige Begegnung mit der “dunklen Seite der Macht” werden sollte. Eine zweite Begegnung bei diesem Ausflug erfolgte später, aber darauf komme ich zur gegebenen Zeit.

Landstraße zum Hambacher Forst.

Und langsam kam eine aus Brettern gezimmerte Hütte in Sicht. In dieser Hütte wurden die, weit über den Hambacher Forst hinaus “berühmten”, Fahnen verkauft. Mehr eine Spende als ein Verkauf. Die Leute sprachen von 10 €. Ich selber habe keine Fahne genommen, hatte genug mit dem Regen, dem Wind, meiner schweren Kamera und diesem verdammten Regenschirm zu tun.

Die ersten Bäume kamen jetzt in Sicht. Etwas weiter weg. Zuerst eine lange Reihe von geparkten Fahrzeugen an der rechten Straßenseite. Eine Frau stieg gerade aus. Sie hatte eine schicke Regenschutzjacke und schicke Gummistiefel an. Ich beneidete sie um ihre weise Voraussicht. Ich. Mit meiner Stoff-Jacke und den geliehenen Regenschirm, kämpfend gegen Wind und Regen.

Und dann traf ich eine andere hübsche Frau. Sie hatte ein aufgemaltes Tatoo auf der Wange. In Großbuchstaben stand dort “HAMBI BLEIBT!” Wer ist Hambi, habe ich mich zuerst gefragt? Ah, ja. Natürlich. Der Hambacher Forst wird von Insidern so genannt. Klar. Ich kam mit der Frau ins Gespräch. Sie kam aus Düsseldorf. Lehrerin.

Weiter ging es in Richtung Wald. Eine holperige Straße, wohl gebaut, damit die Braunkohle von den LKW’s abtransportiert werden kann.

Und dann kamen schon die ersten “Barrikaden” in Sicht. Eigentlich nur eine Anhäufung von Holzpaletten, einigen Reifen und etwas Sand. Sie sollen die LKW’s am Durchfahren hindern. Wohl eher nicht.

Ich habe mich im Wald umgeschaut. Im Fernsehen haben sie immer wieder von Räumung gesprochen. Von Baumhäusern, die aus sicherheitstechnischen Gründen entfernt werden mussten. Es war aber nichts zu sehen. Der Wald war soweit sauber.

Dann kam die obligatorische erste Rede am Waldeingang. Viele Buh-Rufe auf RWE, Politik, Polizei und die sonstigen üblichen Verdächtigen. Auf die Frage “Wo kommt Ihr alle her”?, rief ich so laut ich konnte “Griechenland”. Irgendwie stimmte das auch. Mein Rufen wurde aber nicht erhört, weil jemand neben mir “Paris” rief und ein anderer “Norwegen”. Ja wir sind schon eine bunt gemischte Gruppe, wir DIEMer. Jubelrufe brachen aus, als jemand “Australia” rief. Nun erst konnte ich mich mit meinem “Griechenland” durchsetzen. Es wurde nickend zur Kenntnis genommen. Es waren wohl schon mehrere Griechen dort gewesen.

Es ging noch ein Stück weiter, durch den Wald. Etwa 200 Meter weiter die zweite Sammelstelle. Ein “Natur-Held” von “Ende-Gelände” (Wer kommt bloß auf diese Namen), beschrieb seinen Kampf für unsere gemeinsame Zukunft. Die Leute applaudierten und johlten. Es war so schön. Wir. Gegen die bösen dieser Welt.

Doch dann wurde es mir kalt. Den weiten Weg zum großen Loch, wollte ich mir doch nicht mehr antun. Also, Aufbruch – zurück, marsch, marsch.

Ein letzter Blick zurück in den Wald, einen Moment lang noch diese Atmosphäre wirken lassen, ein paar Fotos machen, den Heldengeschichten von Kampf gegen die Bulldozer zuhören. Moderne Stammes-Erlebnisse. Wo findet man das noch, heutzutage?

Klar, ein Bild in ganzer Breite kann ganz schön groß sein. Aber manchmal ist das Bild es wert.

Und hier war sie wieder. Die “Dunkle Seite der Macht”, zeigte sich zum zweitem Mal an diesem Tag. Mal beschützend, mal bestrafend und das andere Mal trotzig ein Recht fordernd, das diesen Namen nicht verdient. So ist Deutschland heute: Das Land der “Ja-Sager” und Vorgesetzten, die ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen verloren haben.

Statt Leute zu beschützen, gehen diese 3 Polizisten hin und verteilen Knöllchen an die Besucher des Hambacher Forstes. Völlig sinnlos und ohne irgendeiner Art von Nutzen oder Zweck. Wurden die Baumhäuser nicht geräumt, weil sie angeblich keinen Fluchtweg hatten? Auf dem Baum?

Die “Dunkle Seite der Macht”, hat viele Gesichter.

Und es gab noch eine dritte Begegnung. Nachdem wir in Köln angekommen waren, auf dem Weg vom Bahnhof zum Auto, begegneten uns zwei Polizisten. Argwöhnisch schauten sie auf unsere zwei grüne “Hambacher Fortst bleibt”-Fahnen. Einer kam auf uns zu: “Seit Ihr auf dem Wen zu einer Demo?”, “Nein, wir kommen aus dem Hambacher Wald, wo wir die Fahnen gekauft haben. Ist das Tragen der Fahnen verboten?”, “Nein, wir wollten nur informativ wissen, ob eine unerlaubte Demonstration stattfindet. Einen schönen Tag noch.”

Bilder sind Poesie

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Danke für das Lesen des Artikels.

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4 Comments

    • Genau aus diesem Grunde sind wir, Wind und Wetter trotzend, gemeinsam in den Hambacher Forst marschiert. Gemeinsam sind wir stark gegen die Obrigkeit, die nur auf Profit aus ist und dafür ganze Dörfer zerstören will. #DiEM25 #hopeisback

      • Das ist mir zu pathetisch. Das bin ich nicht. Ich bin zum Hambacher Forst, weil du mich nicht gefragt hast, ob ich lieber zum Frühstück wollte.
        Im Nachhinein, hat sich das aber gelohnt.

        • Ein wenig mehr Enthusiasmus bitte. Doch ganz ehrlich, hätte ich keine fünf Minuten länger mehr in Richtung “tiefstes Loch, welches von Menschenhand gebuddelt wurde -450 m tief-” wandern mögen. Wir sind alle so durchnässt und durchgefroren wieder in Köln angekommen und waren dann froh, dass es neben dieser an diesem Tage unwirtlichen Gegend rund um den Hambacher Forst, noch gemütlichere und deutlich wärmere Plätze auf der Welt gibt. *lach* Es war ein Erlebnis der besonderen Art und ich bereue kein bisschen, dass wir an dieser Exkursion teilgenommen haben.

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