Rojava

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Nehmen Sie sich etwas Zeit. Ein Paar Minuten werden reichen. Setzen Sie sich und machen Sie einen Kaffee, oder einen Tee, oder öffnen Sie sich ein Bier oder etwas anderes und setzen Sie sich. Atmen Sie tief ein und schließen Sie ihre Augen.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem Baum gelehnt. Es ist heiß. Sie haben Ihre Augen geschlossen und versuchen mit Ihren Ohren die Welt um Sie herum wahr zu nehmen.

Es ist heiß. Die Luft um Sie herum flimmert, wärmt sich an den beißenden Sonnenstrahlen und an der scheinbar glühenden Erde und nimmt die Geräusche mit, wenn sie nach oben zu den Wolken steigt. Die Geräusche sind irgendwie dumpf, zu viel Bass, zu wenig Höhen, als ob nur die Wellen mit der größten Energie es schaffen zu Ihnen vorzudringen, denken Sie und lächeln, als sie an eine schönere Zeit denken, in der Musik noch eine Rolle in ihrem Leben gespielt hat.

Sie Spüren die Rinde des Baums an ihrem Rücken. Letztes Jahr wurden an diesen Baum mehrere Frauen und Männer erhängt vorgefunden. Bis jetzt weiß keiner, wer sie waren, oder woher sie kamen. Eine junge Frau ist auf dem Baum geklettert und hat mit einer verrosteten Zange den Draht durchgeschnitten, an dem die toten Körper hingen. Draht ist einfacher zu transportieren. Es war keine schöne Arbeit, die schon einige Tage alten Körper zu begraben. Es gehört aber zu den Aufgaben eines Gläubigen die gemacht werden müssen: Für die Seele der Toten und für die eigene Seele.

So etwas kommt zur Zeit öfter vor, in dem Land in dem Sie leben. Sie drücken die Augenlider fester aufeinander, als sich Erinnerungen an andere, ähnliche Vorfälle ankündigen. Als ob Sie sicher stellen wollen, dass ganz bestimmt kein einziger Lichtstrahl die Grenze zu Ihren Augen passieren kann. Denn ein einziger Lichtstrahl, könnte wieder die Bilder von damals lebendig werden lassen. De toten Augen, das zermarterte Fleisch, die Agonie des Todes. Sie schütteln den Kopf, um die fest aufeinander gepressten Lider bei ihrem Kampf zu unterstützen.

Vergessen. Am besten vergessen. Wenn es doch nur möglich wäre. Kopfschüttelnd und nickend zwingen Sie sich auf andere Gedanken.

Stellen Sie sich vor Sie sind als Teil eines Volkes geboren, das kein eigenes Land hat. Damals, als die Deutschen, Franzosen, Italiener und Amerikaner das Land auf dem Ihre Vorfahren lebten aufgeteilt haben, ist Ihr Volk vergessen worden.

Ihr Volk spricht eine eigene Sprache, hat eine eigene Religion und ist stolz auf seine Geschichte, die hauptsächlich mündlich erzählt wird. Es ist kein kleines Volk. Die Menschen sind über mehrere Länder verteilt und überall erleben sie eine andere Unterdrückung. Doch richtig frei, sind sie nirgendwo.

Weil Schulen, gibt es in dieses Land wo Sie leben nicht sehr viele. Und wenn es Schulen gibt, dann wird dort eine andere Sprache, eine andere Geschichte, eine andere Kultur und eine andere Religion gelehrt. Für Ihr Volk gibt es nur die mündliche Überlieferung. Was die Alten, der Vater, die Mutter erzählen.

Und Ihr Volk lebt seit Generationen im Krieg. Gegen die Besatzer und gegen andere Gruppen, die Ihnen Ihr Land wegnehmen wollen. Sie wollen Sie und Ihre Leute assimilieren, benutzen, versklaven oder einfach umbringen.

Gewalt ist für Sie etwas alltägliches. Als kleines Kind schon haben Sie mit Gewehren, Pistolen und Messern zu tun gehabt. Nicht für die Jagd auf Tiere, sondern für die Jagd auf Menschen. Denn eins ist sicher: Noch sehr viele Generationen werden Sie und Ihre Leute kämpfen müssen; um sich zu verteidigen oder für Ihre Freiheit.

Sie haben in Ihrem jungen Leben fast jede Art von Grausamkeit gesehen, die Menschen anderen Menschen antun können. Sie sind längst über das Stadium der Angst, Trauer oder Wut hinaus. Sie sind erfüllt von einer grimmigen Entschlossenheit, die ein einziges Ziel hat: zu überleben.

Viele Ihrer Leute leben in der Diaspora. Überall auf der Welt verstreut haben Sie ein anderes Leben gesucht, das nicht jeden Tag vom Kampf, Unterdrückung und Tod geprägt wird. Und diese Brüder, Schwestern, Verwandte, Freunde und Bekannte schicken einen Teil Ihres Geldes zu Ihnen, damit Sie Essen und Waffen kaufen können. Damit Sie weiter kämpfen.

Und jetzt stellen Sie sich noch vor, dass Sie und das Schicksal Ihres Volkes zum Spielball von psychopathischen Herrschern und skrupellosen Geschäftemachern geworden ist.

Die Präsidenten der Türkei, Syrien und Russland würden Ihr Volk am liebsten auslöschen, während die öfter wechselnden, amerikanischen Präsidenten Sie für Ihre Zwecke ausgenutzt haben: um eine militärische Gruppierung zu bekämpfen, die sie einst selbst ins Leben gerufen haben.

Und wenn das alles auf Sie zutrifft, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie in Kurdistan leben. In Rojava.

Blick in die Zukunft

Die gesamte Welt ist gegen Sie. Sie kämpfen gegen die Leopards der deutschen Rheinmetall, gegen die MIGs der Russen, gegen die Mirage der Franzosen und gegen die syrischen-, ISIS- und türkischen- Soldaten mit ihren Verbündeten.

Und trotzdem sind Sie noch da. Ein Wunder. Heldenmut und abgrundtiefe Kraft ist die Basis des Überlebens.

Mehrere besondere Errungenschaften werden immer wieder herausgestellt:

a) die Basisdemokratie

b) die Gleichstellung der Geschlechter

c) der ökologische Ansatz

Der vollständige Name lautet: Die Revolution in Rojava, sie steht für ein einmaliges basisdemokratisches, geschlechterbefreites und ökologisches Projekt im Westen Kurdistans.

Wenn es keinen Staat und kein staatliches Gewaltmonopol gibt, ist die Basisdemokratie in Dörfern und kleineren Städten durchaus möglich, oder vielleicht sogar zwingend erforderlich. Irgendjemand muss sich schließlich um die Probleme vor Ort kümmern. Wenn es keinen anderen gibt, dann eben die Dorf-Ältesten, die nicht lesen und schreiben können. Das ist in diesem Fall auch nicht wichtig.

Im Krieg sterben Menschen. Zuerst sind es die Männer. Ein “geschlechterbefreites Projekt” ist in einer Gesellschaft, die sich schon seit vielen Generationen im Krieg befindet, eine natürliche Entwicklung. Der Männermangel zwingt die Frauen Verantwortung auch in Bereichen zu übernehmen, die normalerweise nicht zur Frauendomäne gehören.

Was die Ökologie betrifft, so haben die Bewohner der nord-syrischen Gebiete keine andere Chance, als sich dieses Problems anzunehmen. Zu Zeiten des Krieges leidet die Natur. Felder werden abgebrannt, um die Bewohner mit Hunger zu zermürben. Wälder werden von den Besatzern aus Sicherheitsgründen abgeholzt oder abgebrannt. Die Förderung von Erdöl läuft ohne jegliche Kontrolle. Es entstehen Erdölseen die ganze Landstriche veröden lassen. Ökologie ist zwingend notwendig, wenn die Gesellschaft überleben will.

Zusammengefasst ist zu sagen, dass das kurdische Volk sich seit Jahrzehnten am Rande der Vernichtung und Auslöschung befindet. Nach meiner Meinung hat sich das basisdemokratische, geschlechterbefreite und ökologische Projekt nicht homogen als Weiterentwicklung der Gesellschaft entwickelt, sondern als Rückschritt zu einer Gesellschaftsform, die vor Jahrtausenden vielleicht existiert haben mochte. Zu den Anfängen der Menschheit. Bitte versteht mich nicht falsch; ich will den Zustand in den kurdischen Gebieten von Nordsyrien nicht als rückständig bezeichnen, sondern als Ergebnis einer katastrophalen Entwicklung.

Ich wünsche den kurdischen Frauen, falls sie den Krieg als Volk überleben, dass sie ihre Rechte beibehalten und nicht im Zuge der rapiden Modernisierung wieder an machthungrige Männer abgeben.

Vielen Dank an Anselm Schindler für die Überlassung der Fotos und seinen ergreifenden Vortrag in Trier zum Thema Rojava.

Wer noch mehr lesen will: https://www.facebook.com/GreenRojava/


Liebe Grüße
Kostas Thomopoulos

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