Der Priester, der Politiker und der Physiker

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Es muss wohl in den Zeiten der französischen Revolution gewesen sein, als ein Priester, ein Politiker und ein Physiker vor der Guillotine, zur Hinrichtung standen. Um die Enge Gasse, die Revolutionäre gebildet hatten, brodelte und schrie das Volk. Wie es zu den damaligen Zeiten üblich war, war der Grund ihrer Hinrichtung nicht relevant.

Zuerst war der Priester an der Reihe und durfte seine letzte Worte sprechen.

“Ich glaube an die Wahrheit meiner Unschuld”, intonierte er mit seiner geübten Bariton-Stimme und legte seinen Kopf unter das Messer.

Das Volk schrie und jaulte. “Tod allen Priestern. Der Priester soll sterben”.

Der Henker zog am Hebel. Die Guillotine fiel mit einem scharfen Geräusch nach unten, das eindeutig gegen das Grölen der Menge gewann und blieb einen Zentimeter zitternd vor dem Hals des Priesters stehen. Eindeutig ein Wunder.

Wie es üblich war, wurde der Priester nach diesem Wunder von seinen Fesseln befreit und durfte den Platz der Hinrichtung verlassen.

Das Volk murmelte zuerst enttäuscht, doch bald schwoll das Geräusch der Stimmen wieder an. Der nächste Delinquent schritt zur Hinrichtung.

“Meine letzte Worte sind, dass ich auch an die Wahrheit glaube”, so der Politiker.

Das Volk verhöhnte ihn und Jaulte.

“Tod allen Politikern. Der Politiker soll sterben”.

Der Henker zog wieder am Hebel. Die Menge hielt diesmal den Atem an. Ob sich das Wunder wiederholt? In solchen Zeiten ist alles möglich.

Und tatsächlich. Einen Zentimeter über den Hals des Politikers, bleibt die Guillotine wieder zitternd stehen.

Tödliche Stille breitet sich auf dem Platz aus. Keine Stimme ist zu hören, als der Politiker von seinen Fesseln befreit und weg geschickt wird. Das zweite Wunder an einem Tag.

Dann gespannte Unruhe, als der Physiker zur Hinrichtung schreitet. Lautes Murmeln unter dem Volk. Ab und zu vereinzelt der Ruf, allen Physikern doch endlich den Garaus zu machen. Der Tag der Wunder war angebrochen.

Der Henker, tief betroffen und um seinen Tageslohn betrogen, denn er glaubte nicht, dass der geizige Revolutionär auch nur einen Kupfer geben würde, falls heute kein Blut floss blickte sich zuerst um und fragte zögernd nach den letzten Worten.

“Am Seil ist ein Knoten”, sagte der Physiker Stolz, da er hinter einer Wahrheit gekommen war, “dadurch bleibt das Messer immer einen Zentimeter über den Hals des Delinquenten stehen”

Der Henker untersuchte das Seil, löste den Knoten und das Brüllen der Menge schwoll über die Türme der Stadt und die Wolken an, als der abgetrennte Kopf des Physikers in den Eimer fiel und das erste Blut des Tages floss.

Aus dieser Geschichte kann jeder lernen was er will. Ich glaube, der Physiker sollte wissen, dass die Wahrheit nicht immer weiter hilft.

Liebe grüße

Kostas thomopoulos

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One Comment

  1. Oh ja ! Und, dass der, der die Wahrheit sagt, am
    Ende der „Angearschte“ sein kann. Und so schrieb mir einst meine Grundschullehrerin in mein Poesiealbum als Ratschlag fürs Leben: „Sage nicht alles was du weißt, aber wisse immer was du sagst!“ … Smile …

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